Wenn Passung nicht perfekt sein muss
- Florence Bernhard
- 11. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Beobachtungen aus meiner inklusiven Lernreise🎒 und Gedanken zum Zürcher FIT-Konzept

Auf meiner inklusiven Lernreise🎒 durfte ich kürzlich eine Schule im Aargauer Seetal besuchen. Der Austausch mit der Schulleiterin Ruth Huber war offen, herzlich und geprägt von einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit Schule, Unterricht und Teilhabe. Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen sind Teil dieses Schulalltags, und genau daran misst sich Unterricht immer wieder neu.
Nach einem Unterrichtsbesuch kam ich mit einer Lehrerin ins Gespräch. Wir sprachen über Aufgabenformate, über Wahlmöglichkeiten bei Lernangeboten und über die Frage, wie Lernräume gestaltet werden können, damit Kinder sich beteiligen können. Nicht immer. Nicht für alle gleich. Aber oft genug, um wirksam zu sein.
Sie erzählte von Momenten, in denen Kinder aufblühen, wenn sie zwischen Aufgaben wählen dürfen oder auf ihre Weise an ein Thema herangehen können. Und ebenso von Situationen, in denen Angebote zu eng werden, in denen etwas nicht passt und Kinder sich zurückziehen. Diese Ambivalenz wurde nicht problematisiert, sondern sachlich benannt. Genau das hat mich beschäftigt.
Passung als Annäherung
Aus Erfahrung weiss ich Im schulischen Alltag ist eine vollständige Passung sehr selten oder kaum erreichbar. Kinder unterscheiden sich in ihrem Tempo, ihren Zugängen, ihren Bedürfnissen und in dem, was sie gerade tragen können. Unterricht bewegt sich ständig in diesem Spannungsfeld. Die Frage ist weniger, ob alles passt, sondern wie oft es gelingt, Lernräume stimmig zu gestalten.
Im Gespräch wurde deutlich, was ich selber ebenfalls immer wieder beobachtete: Wenn es in einem grossen Teil der Situationen gelingt, Angebote so zu gestalten, dass Kinder andocken können, verändert sich etwas. Kinder beteiligen sich eher, erleben sich als wirksam und trauen sich mehr zu. Daraus wächst Selbstvertrauen. Dieses Erleben von Selbstwirksamkeit scheint mir eine zentrale Voraussetzung dafür zu sein, dass Kinder sich überhaupt auf Lernprozesse einlassen.
Gedanken zum Zürcher FIT-Konzept
Diese Beobachtungen haben mich an das Zürcher FIT-Konzept von Remo Largo und Oscar Jenni erinnert (Literatur dazu hier angehängt). Es geht davon aus, dass Entwicklung dort möglich wird, wo Kind und Umwelt ausreichend gut zusammenpassen. Nicht perfekt. Ausreichend.
Das FIT-Konzept beschreibt drei Bereiche, die dabei zentral sind: Geborgenheit, soziale Anerkennung sowie Entwicklung und Lernen. Wenn Kinder sich sicher fühlen, als Person anerkannt werden und Lernangebote ihrem Entwicklungsstand entsprechen, können sie sich entfalten. Fehlt diese Übereinstimmung, entsteht Spannung. Sie weist auf eine fehlende Passung zwischen Erwartungen und Möglichkeiten hin.
Übertragen auf Schule bedeutet das: Unterricht muss nicht alles abdecken und alle erreichen. Er darf unvollständig sein. Entscheidend ist, dass Kinder immer wieder erfahren, dass ihre Voraussetzungen berücksichtigt werden, ihre Zugänge Bedeutung haben und Lernen für sie erreichbar bleibt.
Was ich von diesem Besuch mitnehme
Solche Inspirationen nehme ich von meiner inklusiven Lernreise🎒 immer wieder mit. Sie erweitern mein Verständnis davon, wie Teilhabe im schulischen Alltag konkret gestaltet werden kann. Nicht über perfekte Konzepte, sondern über Aufmerksamkeit, Beziehung und die Bereitschaft, Passung immer wieder neu auszuhandeln.
Der Besuch im Aargauer Seetal hat mir erneut gezeigt, wie wertvoll Gespräche aus der Praxis sind. Entwicklung wird möglich, wenn Lehrpersonen und Schulleitungen Gelungenes und Schwieriges gemeinsam in den Blick nehmen.
Literatur:
Largo, R. & Jenni, O. (2007). Das Zürcher Fit-Konzept. Aus: Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie, 1/2007. Schaffhausen: Rosenfluh Verlag.




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